Humer-Zellinger: „Entsorgung ist längst mehr als Müll“

WALDING. Jürgen Humer-Zellinger, der Geschäftsführer der Zellinger GmbH in Walding, im Interview mit Helmut Mitter (SPÖ-Gemeindevorstand Walding), zu den Themen steigende Müllgebühren, nachhaltige Innovationen, den Wert langjähriger Mitarbeiter:innen und warum Entsorgung auch gesellschaftliche Verantwortung bedeutet.
Rund um den Jahreswechsel haben sich viele Waldingerinnen und Waldinger über die höheren Müllgebühren trotz teilweise längerem Abholintervall gewundert. Wie erklären Sie sich das?
Humer-Zellinger: Ich verstehe den Unmut gut, denn höhere Gebühren spürt jeder Haushalt. Gleichzeitig muss man wissen, dass die Abfallgebühren von den Gemeinden kalkuliert werden – und diese berücksichtigen eine Vielzahl an Faktoren: Energiepreise, Löhne, gesetzliche Vorgaben, technische Standards. Die Abholintervalle sind dabei nur ein kleiner Teil der Gleichung. Wir als Entsorger führen die Vorgaben aus, versuchen aber durch digitale Routenoptimierung, moderne Fahrzeuge und effiziente Prozesse möglichst kosteneffizient zu arbeiten.
Der Sperrmüll ist ab 2025 in die allgemeine Müllgebühr eingerechnet. Viele Bürger:innen waren verunsichert. Wie sind Sie mit den Anfragen umgegangen?
Humer-Zellinger: Wir merken bei solchen Themen immer wieder, dass viele Bürger:innen denken, die Müllgebühren würden von uns als Entsorgungsunternehmen bestimmt – das ist nicht der Fall. Wir haben keinen Einfluss auf die Höhe der kommunalen Gebühren und können diese auch nicht im Detail darstellen oder erklären. Was wir tun können – und auch tun – ist, unser Team sowie unsere Kund:innen mit den grundlegenden Informationen zu versorgen, damit sie wissen, wohin sie sich bei Fragen wenden können. Uns ist wichtig, auf Augenhöhe zu kommunizieren, auch wenn wir bei gebührenrechtlichen Themen nicht die inhaltliche Ansprechstelle sind.
Vor einigen Jahren wurden Müllinseln entfernt, zuletzt kehren manche Gemeinden davon wieder ab. Wie sehen Sie als Entsorgungsprofi die Entwicklung?
Humer-Zellinger: Ich beobachte diese Entwicklung mit gemischten Gefühlen. Einerseits haben zentrale Sammelstellen wie Altstoffsammelzentren (ASZ) klare Vorteile: Sie bieten Struktur, Kontrolle und ermöglichen hochwertige Trennung. Andererseits zeigt sich in der Praxis: Wenn Entsorgung zu kompliziert oder zu weit entfernt ist, nimmt die Bereitschaft zur richtigen Mülltrennung deutlich ab. Ich bin überzeugt: Die Entsorgungsstrategie muss sich an der Lebensrealität der Menschen orientieren – sie muss praktikabel, zugänglich und nachvollziehbar sein. In vielen Fällen ist ein hybrides Modell – also die Kombination aus ASZ, Hausabholung und intelligenten Sammelstellen – der richtige Weg. Jedenfalls liegt auch hier die Entscheidung bei den Gemeinden und den Bezirksabfallverbänden, welche Entsorgungsstrategie zum Zug kommt. Als Zellinger GmbH verstehen wir uns hier nicht nur als ausführender Dienstleister, sondern auch als kompetenter Partner bei der Systemgestaltung. Wir unterstützen Gemeinden mit praxisnaher Beratung, Analysen und individuellen Konzepten – etwa zur optimalen Behälterverteilung oder zur Rückführung von Wertstoffen in die regionale Verwertungskette. Unsere Entsorgungskompetenz endet nicht beim Abtransport – sie beginnt bei der Planung und reicht bis zur Nachsorge im Kreislauf.
Gibt es aus Ihrer Sicht in Österreich eine klare Strategie, wie Ressourcenmanagement künftig funktionieren soll?
Humer-Zellinger: Aus meiner Sicht fehlt der große, verbindende Plan. Es gibt sehr viele Einzelmaßnahmen – etwa zur Plastikvermeidung, Pfandsysteme oder Recyclingquoten – aber keine abgestimmte Gesamtstrategie. Ich wünsche mir, dass wir Ressourcenpolitik als das sehen, was sie ist: ein strategischer Hebel für Klimaschutz, regionale Wertschöpfung und Innovation. Politik, Verwaltung und Wirtschaft müssen enger zusammenarbeiten – mit einem langfristigen Zielbild.
Welche Innovationen setzt die Zellinger GmbH aktuell um – und wohin geht die Reise in den nächsten fünf Jahren?
Humer-Zellinger: Wir haben als erster Entsorger in OÖ vollelektrische LKWs in Betrieb genommen – geladen mit Strom aus unserer eigenen Biogasanlage, in der biogene Abfälle zu Strom, Wärme und Flüssigdünger für die Landwirtschaft verarbeitet werden. Das ist echte Kreislaufwirtschaft, regional gedacht und umgesetzt. Unsere Fahrzeuge sind mit allen verfügbaren Sicherheitsfeatures ausgestattet – Abbiegeassistent, Kameras, Notbremssysteme. Für uns ist das kein Extra, sondern ein Zellinger-Qualitätsstandard. In den kommenden Jahren liegt unser Fokus auf: technologieoffenen Antriebskonzepten (E, HVO100, H₂), digitaler Tourenplanung und Echtzeitdaten, sowie innovativer Behälterüberwachung zur Effizienzsteigerung. Unser Anspruch: Lösungen zu liefern, die praktisch, wirtschaftlich und ökologisch sinnvoll sind.
Die Zellinger GmbH gilt als starker regionaler Arbeitgeber. Welche Rolle spielt Regionalität für Sie persönlich?
Humer-Zellinger: Regionalität ist für uns kein Marketing-Schlagwort, sondern gelebte Verantwortung. Wir beschäftigen über 120 Mitarbeiter:innen – viele davon seit zehn, fünfzehn oder sogar mehr als dreißig Jahren. Diese Kontinuität ist unbezahlbar. Gleichzeitig sehen wir: Es wird schwieriger, Personal für gewisse Tätigkeiten zu finden. Ohne unsere engagierten Mitarbeiter:innen, aus über zehn Nationen stammend, könnten wir den heutigen Leistungsumfang nicht aufrechterhalten. Sie leisten täglich einen essenziellen Beitrag – mit Einsatzbereitschaft, Fachwissen und Loyalität. Das verdient gesellschaftliche Anerkennung. Wir fördern Diversität aktiv und sehen uns als Brückenbauer – zwischen Sprachen, Kulturen und Generationen. Gleichzeitig unterstützen wir bewusst Vereine, Kulturveranstaltungen und soziale Projekte in der Region. Für mich gehört das zu einem verantwortungsvollen Unternehmertum dazu.

